Kennen Sie diesen Zustand? Der Wecker klingelt, Sie stehen auf und Ihr inneres System schaltet sofort auf „Autopilot“. Sie erledigen Ihre Aufgaben, lächeln an den richtigen Stellen, erfüllen Erwartungen im Job und in der Familie – und am Abend fallen Sie ins Bett, ohne wirklich zu wissen, wie sich der Tag eigentlich angefühlt hat. Nach außen hin wirkt alles perfekt, stabil und erfolgreich. Doch im Inneren breitet sich eine seltsame Taubheit aus. Eine Erschöpfung, die sich nicht einfach wegschlafen lässt. Das ist die Falle des reinen Funktionierens. In diesem Artikel lade ich Sie ein, hinter die Kulissen Ihrer Leistungsfähigkeit zu blicken und Wege zu finden, wie Sie vom Überlebensmodus wieder in ein echtes Erleben zurückfinden.
Wichtige Erkenntnisse dieses Artikels:
- Warum „Funktionieren“ oft ein unbewusster Schutzmechanismus ist.
- Die subtilen Unterschiede zwischen normalem Stress und emotionaler Entfremdung.
- Wie alte Glaubenssätze uns im Hamsterrad halten.
- Erste Schritte, um die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen wiederherzustellen.
Der Unterschied zwischen Leben und Leisten
Wir leben in einer Gesellschaft, die Funktionalität belohnt. Wer „funktioniert“, gilt als belastbar, verlässlich und stark. Doch in meiner Praxis erlebe ich oft Menschen, die genau unter dieser Stärke leiden. Sie haben perfektioniert, ihre eigenen Bedürfnisse so weit zurückzustellen, dass sie sie selbst kaum noch wahrnehmen. Das Tückische daran ist: Solange wir funktionieren, bekommen wir Applaus. Niemand fragt: „Wie geht es dir wirklich?“, weil die Antwort durch das kompetente Auftreten vorweggenommen scheint.
Doch psychische Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Zusammenbrüchen. Es bedeutet Lebendigkeit, Resonanz und die Fähigkeit, sowohl Freude als auch Schmerz authentisch zu fühlen. Wenn wir nur noch funktionieren, schneiden wir uns von dieser Lebendigkeit ab. Wir werden zu Verwaltern unseres eigenen Lebens, anstatt es zu bewohnen.
Die Biologie des „Funktionierens“: Ein dauerhafter Alarmzustand
Wenn wir über Wochen, Monate oder sogar Jahre hinweg funktionieren, ohne innezuhalten, befindet sich unser Nervensystem oft in einem chronischen Erregungszustand. Evolutionär betrachtet ist dieser Modus für kurzfristige Krisen gedacht: Gefahr erkennen, reagieren, überleben. Hält dieser Zustand jedoch an, weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren oder „nicht gut genug“ zu sein, erschöpfen sich unsere Ressourcen.
Viele meiner Klientinnen und Klienten beschreiben dies als ein Gefühl von „Nebel im Kopf“ oder einer inneren Wand. Man ist zwar anwesend, aber nicht wirklich da. Dieser Dissoziations-ähnliche Zustand schützt uns vor Überforderung, verhindert aber gleichzeitig echte Nähe und Entspannung. Wenn Sie spüren, dass Sie an einem solchen Punkt stehen, kann eine professionelle Begleitung bei Erschöpfung der erste Schritt sein, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Es geht nicht darum, noch besser zu funktionieren, sondern darum, sicher „herunterfahren“ zu dürfen.
Warum wir Angst haben, mit dem Funktionieren aufzuhören
„Wenn ich jetzt locker lasse, bricht alles zusammen.“ Das ist ein Satz, den ich sehr häufig höre. Hinter dem zwanghaften Funktionieren steckt oft eine tiefe Angst. Die Angst vor dem Chaos, die Angst vor den Gefühlen, die hochkommen könnten, wenn die Stille einkehrt, oder die Angst vor Ablehnung.
Oft haben wir schon in der Kindheit gelernt, dass wir für Leistung geliebt werden oder dass „pflegeleicht sein“ die sicherste Strategie ist. Diese alten Muster sitzen tief. Wir glauben unbewusst, dass unsere Daseinsberechtigung an unsere Nützlichkeit geknüpft ist. In der Therapie schauen wir uns diese Muster gemeinsam an. Es erfordert Mut, sich einzugestehen, dass man nicht mehr kann – oder nicht mehr will. Doch genau in diesem Eingeständnis liegt der Schlüssel zur Veränderung.
Die subtilen Warnsignale des Körpers
Lange bevor wir psychisch „nicht mehr können“, sendet uns unser Körper Signale. Doch im Modus des Funktionierens haben wir gelernt, diese zu ignorieren oder medikamentös stummzuschalten. Typische Anzeichen sind:
- Schlafstörungen: Trotz bleierner Müdigkeit kreisen die Gedanken, sobald das Licht ausgeht.
- Reizbarkeit: Kleinigkeiten bringen das Fass zum Überlaufen, weil das Nervenkostüm dünn geworden ist.
- Körperliche Symptome: Unerklärliche Kopfschmerzen, Verspannungen oder Magenprobleme ohne organischen Befund.
- Zynismus: Eine innere Distanzierung von der Arbeit oder Menschen, die uns eigentlich wichtig sind.
Diese Symptome sind keine Feinde. Es sind Einladungen Ihres Systems, etwas zu verändern. In meiner therapeutischen Haltung sehe ich diese Signale als wertvolle Wegweiser. Wir versuchen nicht, sie einfach „wegzumachen“, sondern zu verstehen, was sie uns über Ihre aktuellen Bedürfnisse sagen wollen.
Der Weg zurück zu sich selbst: Vom Tun ins Sein
Wie aber schafft man den Ausstieg, wenn der Alltag weitergehen muss? Wir können selten einfach alles stehen und liegen lassen. Der Weg zurück führt nicht über den radikalen Bruch, sondern über kleine Inseln der Achtsamkeit. Es geht um das Wiedererlernen von Selbstfürsorge, die über ein heißes Bad hinausgeht.
1. Anerkennen, was ist
Der erste Schritt ist die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Sagen Sie sich: „Ich bin erschöpft. Ich funktioniere nur noch.“ Das nimmt oft schon den ersten Druck aus dem Kessel. Es ist okay, nicht immer stark zu sein.
2. Grenzen spüren und setzen
Wer nur funktioniert, hat oft verlernt, seine Grenzen wahrzunehmen. Beginnen Sie, in kleinen Dingen „Nein“ zu sagen oder um Bedenkzeit zu bitten, bevor Sie eine neue Aufgabe übernehmen. Jedes „Nein“ im Außen ist ein „Ja“ zu sich selbst.
3. Den Körper wieder bewohnen
Versuchen Sie, mehrmals am Tag kurz in Ihren Körper hineinzuspüren. Wie sitzen Sie gerade? Ist der Kiefer angespannt? Ziehen Sie die Schultern hoch? Diese kleinen Momente des „Check-ins“ unterbrechen den Autopilot-Modus.
Warum Therapie kein Zeichen von Schwäche ist
Viele Menschen, die stark im „Funktionsmodus“ sind, empfinden den Gang zur Psychotherapie als Niederlage. Sie denken, sie müssten ihre Probleme alleine lösen können. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Sich Unterstützung zu holen, ist ein Akt der Selbstverantwortung und Stärke.
In der Psychotherapie schaffen wir einen geschützten Raum, in dem Sie nicht funktionieren müssen. Hier gibt es keine Erwartungen, die Sie erfüllen müssen. Hier dürfen Sie einfach sein – mit allem, was da ist. Tränen, Wut, Erschöpfung oder Leere. Alles hat seinen Platz. Gerade die Online-Therapie bietet hier oft eine niedrige Hemmschwelle, da Sie sich in Ihrer gewohnten, sicheren Umgebung befinden. Wenn Sie sich unsicher sind, wie eine digitale Sitzung abläuft, finden Sie hier häufige Fragen zum Ablauf der Online-Therapie.
Eine neue Definition von Erfolg
Vielleicht dürfen wir unseren Begriff von Erfolg neu definieren. Vielleicht bedeutet Erfolg nicht, wie viel wir an einem Tag erledigt haben, sondern wie sehr wir an diesem Tag bei uns selbst waren. Wie oft wir wirklich gelacht haben, wie tief wir geatmet haben und wie ehrlich wir zu uns selbst waren.
Die Reise vom Funktionieren zum Leben ist kein Sprint. Es ist ein Prozess des sanften Schälens, Schicht für Schicht, bis der Kern wieder zum Vorschein kommt. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Denn am Ende wartet nicht nur Erholung, sondern ein Leben, das sich wieder bunt, echt und berührbar anfühlt.
Wenn Sie spüren, dass Sie bereit sind, aus dem reinen Funktionieren auszusteigen und sich wieder lebendig zu fühlen, lade ich Sie herzlich ein, ein unverbindliches Erstgespräch vereinbaren zu können. Gemeinsam schauen wir, was Sie brauchen, um wieder Boden unter den Füßen zu spüren und nicht nur zu überleben, sondern zu leben.
Fazit
Die stille Erschöpfung des „Funktionierens“ ist ein weit verbreitetes Phänomen unserer Zeit. Sie schleicht sich leise ein und raubt uns die Lebensfreude, während wir nach außen hin erfolgreich wirken. Doch dieser Zustand ist nicht endgültig. Durch Bewusstwerdung, das Setzen von Grenzen und professionelle Unterstützung können wir lernen, die Maske der Perfektion abzulegen und wieder in eine echte Verbindung mit uns selbst zu treten. Sie müssen diesen Weg nicht alleine gehen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Burnout und “nur” Funktionieren?
Der Übergang ist oft fließend. Während Burnout oft den totalen Zusammenbruch bezeichnet, ist das “Funktionieren” oft die Vorstufe – ein Zustand chronischer Überanpassung und emotionaler Taubheit, der über Jahre aufrechterhalten werden kann, bevor die absolute Erschöpfung eintritt.
Kann ich aus dem Funktionsmodus aussteigen, ohne meinen Job zu kündigen?
Absolut. Es geht oft nicht um die äußeren Umstände, sondern um den inneren Umgang damit. In der Therapie lernen wir Strategien zur Abgrenzung und Selbstregulierung, die es ermöglichen, auch in fordernden Umgebungen bei sich zu bleiben.
Wie hilft Psychotherapie dabei, wieder mehr zu fühlen?
In der Therapie schaffen wir einen sicheren Rahmen, in dem unterdrückte Gefühle vorsichtig wieder zugelassen werden können. Wir arbeiten daran, den Zugang zu den eigenen Bedürfnissen wiederherzustellen, ohne von der Intensität der Gefühle überflutet zu werden.
Ist Online-Therapie bei diesem Thema genauso effektiv wie vor Ort?
Ja, Studien und Erfahrungen zeigen, dass Online-Therapie sehr wirksam ist. Für viele Menschen, die stark im Stress sind, ist der Wegfall der Anfahrtszeit sogar eine zusätzliche Entlastung, die es leichter macht, Hilfe anzunehmen.
Wie erkenne ich, ob ich professionelle Hilfe brauche?
Wenn Sie merken, dass Ihre Lebensqualität dauerhaft eingeschränkt ist, Sie keine Freude mehr empfinden, körperliche Beschwerden zunehmen oder sich Ihre Gedanken nur noch im Kreis drehen, ist es ratsam, Unterstützung zu suchen. Es ist besser, präventiv zu handeln, als auf den Zusammenbruch zu warten.
Herzlichst,
Ihre Katja Bulfon


