Kennen Sie diesen Moment? Sie scrollen durch Ihren Social-Media-Feed und sehen Kaffeetassen mit der Aufschrift „Good Vibes Only“, strahlende Gesichter im Sonnenuntergang und Ratschläge, die Ihnen sagen, dass Glück nur eine Entscheidung sei. Währenddessen sitzt in Ihrer Brust vielleicht ein schwerer Kloß, eine unerklärliche Unruhe oder einfach nur tiefe Erschöpfung. In einer Welt, die Optimismus zur moralischen Pflicht erhoben hat, fühlen wir uns oft schuldig, wenn wir nicht „funktionieren“ oder strahlen. Doch was, wenn genau dieser Zwang zur Positivität das eigentliche Problem ist? In diesem Artikel widmen wir uns der heilsamen Kraft der sogenannten „negativen“ Emotionen und warum wahre psychische Gesundheit nicht die Abwesenheit von Leid, sondern die Fähigkeit zur Ganzheit ist.
Wichtige Erkenntnisse:
- Toxische Positivität: Warum erzwungener Optimismus unsere Psyche belastet und echte Verarbeitung verhindert.
- Die Funktion der Gefühle: Warum Angst, Wut und Trauer keine Feinde sind, sondern notwendige Boten unserer Bedürfnisse.
- Der Weg zur Ganzheit: Wie wir lernen, alle Anteile unseres Selbst zu integrieren.
- Therapeutische Unterstützung: Wie ein geschützter Rahmen hilft, verdrängte Emotionen sicher zu fühlen und loszulassen.
Wenn das Lächeln zur Maske wird: Das Phänomen der Toxischen Positivität
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die nicht nur unseren beruflichen Erfolg, sondern auch unseren emotionalen Zustand optimieren will. „Kopf hoch!“, „Das wird schon wieder!“ oder „Andere haben es viel schwerer“ sind Sätze, die wir oft hören oder uns selbst sagen. Dahinter steckt oft eine gute Absicht: Wir wollen uns oder anderen Schmerz ersparen. Doch psychologisch gesehen passiert dabei etwas Gefährliches: Wir invalidieren unsere eigene Wahrnehmung.
Wenn wir schwierige Gefühle konsequent unterdrücken oder mit einem künstlichen Lächeln übermalen, verschwinden diese Gefühle nicht. Sie ziehen sich lediglich in den Untergrund zurück. Stellen Sie sich einen Wasserball vor, den Sie mit aller Kraft unter Wasser drücken. Solange Sie Kraft aufwenden, bleibt er unten. Doch sobald Ihre Kräfte schwinden – etwa in Momenten von Stress oder Erschöpfung –, schießt der Ball mit voller Wucht nach oben. In der Psychotherapie erleben wir oft, dass Menschen nicht wegen eines einzelnen Ereignisses Hilfe suchen, sondern weil die Kraft, den Ball unten zu halten, nach Jahren der „Tapferkeit“ aufgebraucht ist.
Diese emotionale Erschöpfung ist oft ein Zeichen dafür, dass wir verlernt haben, unseren „Schattenseiten“ Raum zu geben. Dabei ist es völlig menschlich und gesund, nicht immer stark zu sein. Wenn Sie das Gefühl haben, diese Last nicht mehr allein tragen zu können, lade ich Sie ein, ein persönliches Erstgespräch vereinbaren zu können. Es ist der erste Schritt, die Maske in einem sicheren Umfeld ablegen zu dürfen.
Die verkannten Helden: Warum wir Wut, Angst und Trauer brauchen
In unserer kulturellen Prägung unterteilen wir Gefühle oft in „gut“ (Freude, Dankbarkeit, Liebe) und „schlecht“ (Wut, Angst, Trauer). Doch aus evolutionärer und psychologischer Sicht ist diese Bewertung unsinnig. Jedes Gefühl hat eine überlebenswichtige Funktion. Wenn wir beginnen, diese Emotionen als Boten zu verstehen, verliert das Erleben seiner „dunklen“ Seiten viel von seinem Schrecken.
Die Wut als Grenzwächter
Viele Menschen, besonders Frauen, haben gelernt, dass Wut „unziemlich“ oder „hysterisch“ sei. Dabei ist Wut eine vitale Energie. Sie ist das Signal unseres Systems, dass eine Grenze überschritten wurde oder ein Bedürfnis verletzt wird. Gesunde Wut gibt uns die Kraft, „Nein“ zu sagen, für uns einzustehen und Veränderungen anzustoßen. Wenn wir Wut unterdrücken, richtet sie sich oft nach innen – wir werden depressiv, zynisch oder entwickeln psychosomatische Beschwerden. In meiner Arbeit in der psychotherapeutischen Begleitung schauen wir uns an, wo Ihre Wut eigentlich hinwollte und wie Sie sie konstruktiv nutzen können, anstatt sie zu schlucken.
Die Angst als Schutzschild
Angst ist unangenehm, ja. Aber ohne Angst würden wir blind in Gefahren laufen. Sie schärft unsere Sinne und bereitet uns auf Herausforderungen vor. Das Problem entsteht erst, wenn die Angst generalisiert wird und uns vor Situationen warnt, die gar keine Gefahr darstellen. Doch der Weg aus der Angst führt selten über deren Bekämpfung, sondern über das Verständnis: Wovor will mich dieser Anteil eigentlich schützen? Wenn wir der Angst zuhören, statt sie wegzuschieben, kann sie sich oft beruhigen.
Die Trauer als Prozess der Heilung
Trauer ist der Preis, den wir für Bindung zahlen. Sie ist keine Krankheit, sondern der natürliche Anpassungsprozess der Seele an einen Verlust. Das muss nicht immer der Tod eines Menschen sein; wir trauern auch um verpasste Chancen, zerbrochene Freundschaften oder Lebensphasen, die zu Ende gehen. Wer sich die Trauer verbietet, friert innerlich ein. Wer sie zulässt, bleibt lebendig und liebesfähig.
Der Körper vergisst nichts: Die Folgen der Verdrängung
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen unterdrückten Emotionen und körperlichem Wohlbefinden. Die Psychoneuroimmunologie zeigt uns heute wissenschaftlich, was alte Weisheiten schon lange wussten: Dauerhafte emotionale Dissonanz schwächt das Immunsystem. Wenn wir im Außen lächeln, während wir im Inneren weinen, erzeugen wir Stresshormone. Der Körper befindet sich in einem permanenten Alarmzustand, weil er die Diskrepanz zwischen innerer Wahrheit und äußerer Darstellung aufrechterhalten muss.
Viele Klientinnen und Klienten berichten von chronischen Verspannungen, Schlafstörungen, Magenproblemen oder Kopfschmerzen, für die keine organische Ursache gefunden wird. Oft sind dies die Sprachen des Körpers, der ausdrückt, was der Mund nicht sagen darf. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, diese Signale ernst zu nehmen. In einer Therapie lernen wir, die Sprache des Körpers wieder zu übersetzen. Was braucht mein Körper gerade wirklich? Ruhe? Bewegung? Oder einfach das Erlaubnis, einmal schwach zu sein?
Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung
Der Gegenentwurf zur toxischen Positivität ist nicht Pessimismus, sondern Selbstmitgefühl. Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst so zu begegnen, wie man einem guten Freund begegnen würde, der gerade eine schwere Zeit durchmacht. Würden Sie zu einer Freundin, die gerade ihren Job verloren hat, sagen: „Jetzt stell dich nicht so an, denk einfach positiv!“? Vermutlich nicht. Sie würden sie in den Arm nehmen, ihr zuhören und ihren Schmerz validieren. Warum behandeln wir uns selbst oft so viel härter?
Selbstmitgefühl ist eine Praxis, die man lernen kann. Es beginnt damit, achtsam zu werden für den inneren Kritiker. Wenn die Stimme im Kopf sagt: „Du solltest jetzt nicht traurig sein, du hast doch alles, was du brauchst“, können wir lernen, eine zweite, freundlichere Stimme dagegenzusetzen: „Es ist okay, dass ich mich gerade so fühle. Es ist eine schwere Situation.“
Dieser Shift ist oft der Wendepunkt in der psychischen Entwicklung. Wenn wir aufhören, gegen unsere eigene Realität zu kämpfen, wird Energie frei. Energie, die wir zuvor für die Unterdrückung unserer Gefühle gebraucht haben, steht uns nun für das Leben zur Verfügung. Wir werden authentischer, greifbarer und paradoxerweise oft auch stabiler. Denn wer keine Angst mehr vor seinen Tiefen hat, den kann so schnell nichts mehr umwerfen.
Der geschützte Raum der Psychotherapie
Es erfordert Mut, sich seinen Schattenseiten zu stellen. Oft haben wir Angst, von unseren Gefühlen überwältigt zu werden, wenn wir den Deckel einmal öffnen. „Wenn ich erst einmal anfange zu weinen, höre ich nie wieder auf“, ist eine häufige Befürchtung. Genau hier ist der therapeutische Rahmen so wertvoll. In der Therapie müssen Sie diesen Weg nicht allein gehen. Ich biete Ihnen einen Raum, der stark genug ist, um auch die schweren Gefühle zu halten.
In meiner Arbeit, sowohl mit Erwachsenen als auch in der Begleitung von Eltern, ist mir wichtig, dass alles sein darf. Es gibt keine „falschen“ Gefühle. Wenn Sie mehr über meine Haltung und meinen Hintergrund erfahren möchten, lade ich Sie ein, meine Arbeitsweise kennenlernen zu wollen. Es geht nicht darum, Sie zu reparieren, denn Sie sind nicht kaputt. Es geht darum, Sie in Ihrer Ganzheit wiederherzustellen.
Gerade in der heutigen Zeit bietet die Online-Therapie dabei eine wunderbare Möglichkeit, im eigenen sicheren Umfeld an diesen Themen zu arbeiten. Sie sind in Ihren vertrauten vier Wänden, haben vielleicht Ihre Lieblingstasse Tee dabei und können sich dennoch in einem professionellen Setting öffnen. Das senkt oft die Hemmschwelle, über Dinge zu sprechen, für die wir uns im Alltag schämen.
Kleine Schritte zu mehr emotionaler Ehrlichkeit
Wie können wir nun im Alltag beginnen, diesen gesünderen Umgang mit uns selbst zu pflegen? Hier sind einige Impulse:
1. Gefühle benennen (Name it to tame it):
Versuchen Sie, Ihr Gefühl so präzise wie möglich zu benennen. Statt nur „Ich fühle mich schlecht“ zu sagen, versuchen Sie es mit: „Ich fühle mich enttäuscht, weil meine Erwartung nicht erfüllt wurde“ oder „Ich fühle mich unruhig, weil ich Angst vor dem Termin morgen habe“. Das Benennen schafft Distanz und gibt uns ein Stück Kontrolle zurück.
2. Den „Aber“-Satz streichen:
Ersetzen Sie das „Aber“ durch ein „Und“. Statt „Ich bin traurig, aber ich sollte dankbar sein“ sagen Sie: „Ich bin traurig UND ich bin dankbar für das, was ich habe.“ Beide Gefühle dürfen gleichzeitig existieren. Das nennt man Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.
3. Medien-Detox:
Achten Sie darauf, welche Inhalte Sie konsumieren. Folgen Sie Accounts, die Ihnen das Gefühl geben, ungenügend zu sein? Entfolgen Sie. Suchen Sie nach Inhalten, die Authentizität und Verletzlichkeit zeigen.
4. Professionelle Begleitung suchen:
Manchmal sitzen die Muster tief, oft stammen sie aus der frühen Kindheit, in der wir gelernt haben, dass wir nur geliebt werden, wenn wir „lieb“ und „brav“ sind. Diese Muster aufzulösen, ist Arbeit, die sich lohnt. Wenn Sie Fragen zum Ablauf einer solchen Begleitung haben, finden Sie erste Antworten auf häufige Fragen auf meiner Website.
Fazit: Die Freiheit, Mensch zu sein
Psychische Gesundheit bedeutet nicht, in einem Zustand permanenter Glückseligkeit zu schweben. Es bedeutet, flexibel auf die Wellen des Lebens reagieren zu können. Mal sind wir oben, mal werden wir untergetaucht. Wahre Resilienz entsteht aus dem Vertrauen, dass wir auch die schwierigen Phasen überstehen können, ohne uns selbst dafür zu verurteilen. Erlauben Sie sich, Mensch zu sein – mit allen Facetten, allen Farben und ja, auch mit allen Schatten. Denn nur wo Schatten ist, da ist auch Licht.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Optimismus und toxischer Positivität?
Optimismus ist eine Haltung der Zuversicht, die Probleme anerkennt, aber auf eine Lösung hofft. Toxische Positivität hingegen leugnet Probleme und negative Gefühle, verbietet Schmerz und zwingt zu einer künstlichen Fröhlichkeit, die nicht der inneren Realität entspricht.
Warum fühle ich mich nach „positiven Ratschlägen“ oft schlechter?
Weil Sie sich nicht gesehen und verstanden fühlen. Wenn jemand auf Ihr Leid mit einer Floskel reagiert, signalisiert das oft Desinteresse oder Überforderung. Zudem entsteht Scham, weil Sie das Gefühl bekommen, „falsch“ zu fühlen oder nicht dankbar genug zu sein.
Kann Therapie helfen, wenn ich gar kein akutes Trauma habe, sondern mich nur „leer“ fühle?
Absolut. Dieses Gefühl der Leere ist oft ein Zeichen dafür, dass der Zugang zu den eigenen Emotionen blockiert ist. Therapie hilft, diese Verbindung wiederherzustellen und herauszufinden, was Sie brauchen, um sich wieder lebendig zu fühlen.
Wie läuft eine Online-Therapie ab, wenn es um emotionale Themen geht?
Online-Therapie funktioniert erstaunlich gut bei emotionalen Themen. Durch den Blickkontakt über den Bildschirm und die Stimme entsteht eine intensive Verbindung. Viele Klienten empfinden es sogar als erleichternd, nach einer aufwühlenden Sitzung nicht noch den Heimweg antreten zu müssen, sondern direkt in ihrem sicheren Zuhause nachruhen zu können.
Ist es normal, Angst vor den eigenen Gefühlen zu haben?
Ja, das ist eine sehr häufige Schutzreaktion. Wir haben oft Angst vor Kontrollverlust. In der Therapie nähern wir uns diesen Gefühlen daher sehr behutsam und in dem Tempo, das für Sie sicher ist.


